Medizin transparent - Wissen was stimmt – unabhängig und wissenschaftlich geprüft

Jetzt anfragen

Sie fragen, wir antworten

Stimmt die Behauptung aus Internet, Werbung oder den Medien?

Artikel

ADHS und Neurodermitis

©iStockphoto.com/stevenrwilson

Fördert Neurodermitis ADHS?

Schon seit den 1980er Jahren wird beobachtet, dass sowohl Neurodermitis als auch ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung) zunehmend diagnostiziert werden. Es mehren sich die Studien, die einen Zusammenhang zwischen den beiden Erkrankungen feststellen.

Zeitungsartikel: Zusammenhang zwischen Neurodermitis und ADHS? (6.3.2013, derStandard.at)
Frage:Existiert ein Zusammenhang zwischen ADHS und Neurodermitis?
Antwort:Mehrere große Studien zeigen, dass zwischen ADHS und Neurodermitis eine Verbindung besteht. Ob eine Krankheit Ursache für die andere ist oder ob beide Krankheiten gemeinsame Ursachen haben, ist noch nicht geklärt.
Beweislage:
Niedrige wissenschaftliche Beweislagefür einen Zusammenhang

Ein Artikel auf derstandard.at geht der Frage nach, ob chronische Hautentzündungen in einem Zusammenhang mit ADHS stehen und lässt dabei einige Experten zu Wort kommen. Jochen Schmitt, Direktor des Zentrums für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, wird im Artikel die Aussage zugeschrieben, dass Neurodermitis das Risiko einer ADHS – Erkrankung um rund 50 Prozent erhöht, insbesondere wenn die Erkrankung bereits in den ersten beiden Lebensjahren auftritt. Wie die Recherche zeigt, stützt sich Schmitt dabei in erster Linie auf eine aktuelle Zusammenfassung: Er hat mit seinem Team zwei Querschnittstudien und zwei Kohortenstudien mit insgesamt 20684 Teilnehmern durchgeführt.. Die aus diesen Studien ermittelte Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit früherer oder aktueller Neurodermitis die Diagnose ADHS oder ADHS Symptome aufweist, ist um 43 Prozent erhöht [1].

Das gleiche Team hat schon 2010 in einer systematischen Übersichtsarbeit eine Verbindung zwischen ADHS und Neurodermitis beschrieben [2].  Darin zeigen vier von sechs Studien einen signifikanten Zusammenhang, bei den anderen beiden geht das Ergebnis in die gleiche Richtung. Auch eine aktuelle Querschnittstudie aus Taiwan [3] findet bei der Analyse der Daten von 8201 ADHS-Patienten einen Zusammenhang, der auf ein etwa 50 Prozent erhöhtes ADHS Risiko für Kinder mit Neurodermitis hinweist.

Viele Unbekannte

Die Aussage aus dem Zeitungsartikel „Neurodermitis erhöht das Risiko für ADHS“, ist trotz der Studienlage mit Vorsicht zu behandeln. Denn ob die Neurodermitis tatsächlich eine ursächliche Wirkung hat, ist unklar – der Mechanismus, der die beiden Erkrankungen aneinander koppelt, ist unbekannt, wie sowohl Schmitt [1] als auch die Studie aus Taiwan [3] betonen. Genauso gut könnten die beiden Krankheiten über eine gemeinsame Ursache verbunden sein, also beispielsweise von einem gemeinsamen genetischen Risikofaktor beeinflusst sein.

Erklärungsversuche

Neurodermitis verursacht Juckreiz und häufig Schlafstörungen [1][3]. Es ist denkbar, dass diese Beeinträchtigungen im Frühkindalter das Auftreten von ADHS wahrscheinlicher machen [1][2]. Ein Erklärungsversuch auf physiologischer Ebene macht Zytokine verantwortlich: Zytokine spielen als Botenstoffe bei Entzündungsprozessen eine Rolle und werden bei Neurodermitis vermehrt ausgeschüttet. Viele Zytokine haben die Fähigkeit, die Blut/Hirnschranke zu überwinden, und könnten daher Auswirkungen auf das Gehirn haben, besonders noch während der kindlichen Entwicklung [2]. Doch auch das ist bisher reine Spekulation.

Die Krankheiten und deren Behandlung

Neurodermitis ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen bei Kindern, am weitesten verbreitet in der Gruppe der unter 3jährigen. Sie zählt zu den sogenannten atopischen Erkrankungen, steht also in Verbindung mit allergischen Krankheiten. Symptome sind trockene, entzündete, juckende bis hin zu blutende Hautflecken. Eine tägliche intensive Pflege mit Feuchtigkeitscreme hilft die Symptome zu bekämpfen. Wirksam sind Steroid-Salben (Corticosteroide), die in unterschiedlichen Stärken verwendet werden können [4].
Kinder mit ADHS nehmen die Welt anders war als andere Kinder – an ihnen rauschen Bilder und Lärm in einem steten Fluss vorbei, sie haben Schwierigkeiten, sich auf eine Aktivität zu konzentrieren und sich zu entscheiden, was wichtig ist und was nicht. Bei Kindern mit ADHS helfen Verhaltenstherapie und einige Medikamente – Methylphenidat (besser bekannt unter dem Handelsnamen „Ritalin“, der Wirkstoff ist jedoch auch als Generikum erhältlich) oder Dexamfetamin [5].

(Autoren: J. Wipplinger, B. Kerschner, M. Flamm)

Artikel empfehlen: auf Facebook teilen auf Twitter teilen

 

Ähnliche Artikel

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Schmitt u.a. (2013)
Studientyp: : Zusammenfassung von 4 Studien und Metaanalyse
Eingeschlossene Studien:zwei Kohortenstudien und zwei Querschnittsstudien
Teilnehmer: 20684
Fragestellung: Zusammenhang von ADHS und Neurodermitis?
Mögliche Interessenskonflikte: keine angegeben

Schmitt J, Apfelbacher C, Heinrich J, Weidinger S, Romanos M. [Association of
atopic eczema and attention-deficit/hyperactivity disorder – meta-analysis of
epidemiologic studies]. Z Kinder Jugendpsychiatr Psychother. 2013
Jan;41(1):35-42; quiz 42-4.

(Zusammenfassung der Studie)

[2] Schmitt ua (2010)
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit
Eingeschlossene Studien: 20 Studien insgesamt, sechs zu Neurodermitis
Teilnehmer insgesamt: 170175
Fragestellung: Zusammenhang zwischen allergischen Erkrankungen und ADHS?
Mögliche Interessenskonflikte: Einer von drei Autoren sitzt im Beratergremium von Lilly und Novartis.und erhält Honorare.

Schmitt J, Buske-Kirschbaum A, Roessner V. Is atopic disease a risk factor for
attention-deficit/hyperactivity disorder? A systematic review. Allergy. 2010
Dec;65(12):1506-24.

(Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)

[3] Chen ua. (2013)
Studientyp: retrospektive Querschnittsstudie
Teilnehmer: eine Million Menschen aus der taiwanesichen Gesundheitsdatenbank analysiert, 8201 ADHS Patienten
Fragestellung: Zusammenhang zwischen allergischen Erkrankungen und ADHS?
Mögliche Interessenskonflikte: Keine angegeben

Chen MH, Su TP, Chen YS, Hsu JW, Huang KL, Chang WH, Chen TJ, Bai YM.
Comorbidity of Allergic and Autoimmune Diseases Among Patients With ADHD: A
Nationwide Population-Based Study. J Atten Disord. 2013 Feb 11.
(Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[4] Clinical Evidence: Neurodermitis – Patienteninformation (englisch).
Hintergründe und Behandlungsmöglichkeiten. (abgerufen am 20.3.2013)

[5] Clinical Evidence: Was hilft bei ADHS (englisch). (abgerufen am 20.3.2013)