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Profitieren ADHS-Kinder von Magnesium und Zink?

Hyperaktiv und unaufmerksam: was hilft?

Hyperaktiv und unaufmerksam: was hilft?

Mehr Ruhe und Konzentration für kleine Zappelphillips – das verspricht die orthomolekulare Medizin. Wissenschaftliche Belege fehlen jedoch.

Frage:Verbessern Nahrungsergänzungsmittel mit Magnesium und/oder Zink die Krankheitssymptome bei Kindern mit ADHS?
Antwort:unklar
Erklärung:Für den Einsatz von Magnesiumsalzen liegen nur Beobachtungsstudien vor. Bessere wissenschaftliche Untersuchungen gibt es zwar für Zinksalze, allerdings kommen die Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen. Da außerdem teilweise noch weitere methodische Mängel auffallen, lässt sich aus diesen Studien keine eindeutige Aussage ableiten.

Bei Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) leidet häufig auch die Umwelt mit: Konzentrationsschwäche und Unruhe sorgen für Schwierigkeiten zu Hause und in der Schule. Auch unter Freunden können ADHS-Kinder Probleme haben, wenn sie ungeduldig sind und sich beim Spielen nicht an Vereinbarungen halten. Wenn pädagogische und verhaltenstherapeutische Maßnahmen nicht greifen, sind meist Medikamente der nächste Behandlungsschritt. Die eingesetzten Substanzen wie Methylphenidat oder Amphetamin können jedoch auch zu Nebenwirkungen führen: So nimmt bei vielen behandelten Kindern der Appetit ab, sie schlafen schlechter und der Arzt muss regelmäßig die Gesundheit von Herz und Kreislauf überwachen [7].

Zusammenhang mit Nährstoffmangel?

Für Eltern ist der Gedanke einer wirksamen ADHS-Behandlung ohne Nebenwirkungen daher attraktiv. Solche Therapien mit Nahrungsergänzungsmitteln propagiert etwa die „orthomolekulare Medizin“, nach deren Theorien ADHS unter anderem durch einen Mikronährstoffmangel im Gehirn entsteht. Vor einiger Zeit hatte medizin-transparent bereits den Nutzen von Omega-3-Fettsäuren bei Kindern mit ADHS beurteilt (siehe: Omega-Fettsäuren: Hilfe für Zappelphilipps fragwürdig). Daneben werden aber auch Magnesium und Zink als mögliche Therapieoptionen angepriesen. Tatsächlich gibt es auch einige Befunde aus der wissenschaftlichen Literatur, dass bei Kindern mit ADHS die Blutspiegel an Zink niedriger liegen als bei gesunden Kindern – das heißt jedoch nicht zwangsläufig, dass der niedrige Zinkspiegel die Ursache für ADHS wäre. Ein Zusammenhang zwischen niedrigen Magnesiumspiegeln und ADHS ist weniger klar, da Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen gekommen sind [8]. Rein theoretisch ist die Idee zum Einsatz von Mikronährstoffen auch deshalb nicht vollkommen abwegig, da sowohl Zink als auch Magnesium an vielen Stoffwechselprozessen im Nervensystem beteiligt sind. Aber auch hier gilt, dass die Theorie alleine nicht ausreicht. Ob die regelmäßige Gabe von Zink und/oder Magnesium die Symptome bei Kindern mit ADHS verbessert, lässt sich nur mit entsprechenden Therapiestudien belegen.

Dünne Studienlage

Und hier verliert die Theorie der „sanften“ ADHS-Behandlung ziemlich schnell den wissenschaftlichen Boden unter den Füßen: Zur Therapie mit Magnesium fand unsere Literatursuche lediglich zwei Beobachtungsstudien [1] [2], bei denen eine Vergleichbarkeit der Gruppen und eine objektive Beurteilung der Patienten nicht gewährleistet war. Die Studien kamen zwar zu positiven Ergebnissen, doch sind diese wegen der schweren methodischen Mängel nicht aussagekräftig. Etwas besser ist die Situation bei Zink, für das zumindest randomisierte kontrollierte Studien vorliegen. Allerdings untersuchen die meisten der Studien [3] [4] [5] nur eine sehr kleine Anzahl an Teilnehmern, und die Studien kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. In der größten Studie [6] finden die Wissenschaftler zwar einen positiven Effekt. Weil aber am Ende nur noch etwa die Hälfte der Patienten an der Studie teilnimmt, lässt sich daraus keine eindeutige Aussage ableiten.

 

Die Studien im Detail

Die Studien zum Nutzen von Magnesium wurden in den 1990er Jahren in Polen [1] bzw. Russland [2] durchgeführt. Die Studienautoren vergleichen zwar die Ergebnisse mit denen einer unbehandelten Kontrollgruppe und finden auch Unterschiede zugunsten der Magnesiumbehandlung, doch weisen die Untersuchungen einige methodische Mängel auf. Der wichtigste Kritikpunkt ist die fehlende Randomisierung in beiden Studien: Weil die Patienten nicht zufällig auf Behandlungs- und Kontrollgruppe verteilt wurden, lässt sich nicht gewährleisten, dass die beiden Gruppen tatsächlich zu Beginn der Studie vergleichbar waren. Außerdem erhalten in einer Studie [1] alle Kinder eine Behandlung mit Psychopharmaka, die nach heutigen Maßstäben nicht mehr dem Stand der Wissenschaft entspricht. Die Kinder in der Kontrollgruppe werden nicht mit einem Scheinpräparat behandelt, so dass für alle Beteiligten ersichtlich ist, ob das Kind Magnesium eingenommen hat oder nicht. Diese fehlende Verblindung kann die Beurteilung der Ergebnisse verzerren. In der anderen Studie [2] ist eine Verblindung ebenfalls nicht gewährleistet, da sich das Magnesiumpräparat und das Mittel in der Kontrollgruppe schon rein optisch unterscheiden: Magnesium erhalten die Kinder in Form einer Tablette, die Kinder in der Kontrollgruppe bekommen ein Multivitaminpräparat als Saft. Wegen dieser Unzulänglichkeiten sind die positiven Ergebnisse der Studien nicht aussagekräftig. Mögliche Nebenwirkungen wurden in den Studien nicht untersucht.

Die randomisierten kontrollierten Studien zum Einsatz von Zink bei Kindern mit ADHS wurden in unterschiedlichen Ländern durchgeführt: in Chile [3], den USA [4], im Iran [5] oder in der Türkei [6]. Diese Studien unterscheiden sich in den eingesetzten Zinkmengen und in ihren Fragestellungen: So untersuchten zwei Studien [3] [5] Zink als Zusatzmedikation zu Methylphenidat im Vergleich zu einem Scheinmedikament (Placebo), eine Studie [6] Zink als alleiniges Mittel, eine weitere Studie [4] erhob Daten für beide Therapieansätze. Die Ergebnisse der Studien sind widersprüchlich: Zwei Untersuchungen [5] [6] finden einen Unterschied zwischen der Behandlung mit Zink und der mit Placebo, während sich in zwei anderen Studien [3] [4] keine relevanten Differenzen zeigen. Drei der Studien haben mit 40 [3], 44 [5] und 52 Teilnehmern [4] nur einen sehr kleinen Umfang. Die größte Studie mit 400 Teilnehmern [6] wäre theoretisch deutlich aussagekräftiger. Allerdings brechen rund die Hälfte der Patienten die Teilnahme an der Studie vorzeitig ab, was die Interpretierbarkeit der Ergebnisse wesentlich einschränkt. In den Studien mit Zink werden als wichtigste Nebenwirkungen Übelkeit und ein metallischer Geschmack angegeben [5] [6].

(AutorIn: I. Hinneburg, Review: B. Kerschner, C. Christof)

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Ähnliche Artikel

 

 

Information zu den wissenschaftlichen Studien

[1] Starobrat-Hermelin 1997
Studienart: kontrollierte klinische Studie ohne Randomisierung
Teilnehmer: 75 Kinder in Polen im Alter zwischen 7 und 12 Jahren mit einer ADHS-Diagnose nach DSM-IV-Kriterien; außerdem Magnesiummangel und verschiedene weitere psychische Auffälligkeiten (Bettnässen, Tics, Stottern, Angststörungen, Verhaltensauffälligkeiten)
Fragestellung: Verbessert die Gabe von Magnesium über 6 Monate die Hyperaktivität von Kindern mit ADHS und nachgewiesenem Magnesiummangel zusätzlich zu einer Standardtherapie mit Psychopharmaka?
Interessenkonflikte: keine Angaben im Artikel

Starobrat-Hermelin B, Kozielec T. The effects of magnesium physiological supplementation on hyperactivity in children with attention deficit hyperactivity disorder (ADHD). Positive response to magnesium oral loading test. Magnes Res. 1997;10:149-156 (Zusammenfassung der Studie)

[2] Nogovitsina 2006
Studienart: kontrollierte klinische Studie ohne Randomisierung
Teilnehmer: 51 Kinder in Russland mit ADHS diagnostiziert nach ICD-10/DSM-IV; 43 Jungen, 8 Mädchen im Alter zwischen 6 und 12 Jahren
Fragestellung: Effektivität von Magne-B6 (enthält Magnesium und Vitamin B6) im Hinblick auf neuropsychologische und biochemische Veränderungen bei Kindern mit ADHS über einen Zeitraum von 30 Tagen
Interessenkonflikte: keine Angaben im Artikel

Nogovitsina OR, Levitina EV. Effect of MAGNE-B6 on the clinical and biochemical manifestations of the syndrome of attention deficit and hyperactivity in children. Eksp Klin Farmakol. 2006; 69:74-77 (Zusammenfassung der Studie)

[3] Zamora 2011
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 40 Kinder in Chile mit ADHS (Diagnose nach DSM IV-Kriterien) zwischen 7 und 14 Jahren, 31 Jungen und 9 Mädchen
Fragestellung: Auswirkungen einer Zink-Supplementierung zusätzlich zu einer Behandlung mit Methylphenidat auf das Verhalten bei Kindern mit ADHS über einen Zeitraum von sechs Wochen
Interessenkonflikte: keine Angaben im Artikel

Zamora J, Velasquez A, Troncoso L, Barra P, Guajardo K, Castillo-Duran C. Zinc in the therapy of the attention-deficit/hyperactivity disorder in children. A preliminar randomized controlled trial. Arch Latinoam Nutr. 2011; 61:242-246 (Zusammenfassung der Studie)

[4] Arnold 2011
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie in 3 Phasen
Teilnehmer: 52 Kinder und Jugendliche in den USA zwischen 6 und 14 Jahren mit ADHS nach den DSM-IV-Kriterien
Fragestellung:
a) Verbessert die Supplementierung von Zink allein (also ohne weitere Medikamente) im Vergleich zu Placebo die ADHS-Symptome über einen Zeitraum von acht Wochen?
b) Verbessert die Gabe von Zink im Vergleich zu Placebo zusätzlich zu Amphetamin die ADHS-Symptome über einen Zeitraum von zwei Wochen?
c) Senkt die zusätzliche Gabe von Zink den Bedarf an Amphetamin im Vergleich zu Placebo? Zeitraum der Dosistitrierung drei Wochen im Anschluss an Phase b)
Interessenkonflikte: Verbindungen mit zahlreichen Pharmafirmen, darunter auch Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln

Arnold LE, Disilvestro RA, Bozzolo D, Bozzolo H, Crowl L, Fernandez S, Ramadan Y, Thompson S, Mo X, Abdel-Rasoul M, Joseph E. Zinc for attention-deficit/hyperactivity disorder: placebo-controlled double-blind pilot trial alone and combined with amphetamine. J Child Adolesc Psychopharmacol. 2011; 21:1-19 (Studie in voller Länge)

[5] Akhondzahdeh 2004
Studientyp: randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 44 Kinder im Iran mit ADHS nach DSM IV-Kriterien, 26 Jungen, 18 Mädchen zwischen 5 und 11 Jahren
Fragestellung: Effekt von Zink zusätzlich zu Methylphenidat auf die Symptome bei Kindern mit ADHS über sechs Wochen
Interessenkonflikte: keine nach Angaben der Autoren

Akhondzahdeh S, Mohammadi MR, Khademi M. Zinc sulfate as an adjunct to methylphenidate for the treatment of attention deficit hyperactivity disorder in children: a double blind and randomized trial. BMC Psychiatry 2004 Apr 8;4:9. (Studie in voller Länge)

[6] Bilici 2004
Studientyp: Randomisierte kontrollierte Studie
Teilnehmer: 400 Kinder in der Türkei mit ADHD nach DSM-IV-Kriterien, 72 Mädchen und 328 Jungen zwischen 6 und 14 Jahren
Fragestellung: Reduziert Behandlung mit Zink über zwölf Wochen die ADHS-Symptome stärker als Placebo?
Interessenkonflikte: keine Angabe in der Publikation

Bilici M, Yildirim F, Kandil S, Bekaroğlu M, Yildirmiş S, Değer O, Ulgen M, Yildiran A, Aksu H. Double-blind, placebo-controlled study of zinc sulfate in the treatment of attention deficit hyperactivity disorder. Prog Neuropsychopharmacol Biol Psychiatry. 2004; 28:181-90 (Zusammenfassung der Studie)

Weitere wissenschaftliche Quellen

[7] IQWIG (2015)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – IQWiG (2015) Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Zugriff am 29.09.2015 unter https://www.gesundheitsinformation.de/aufmerksamkeitsdefizit-und.2330.de.html

[8] Scassellati u.a. (2012)
Scassellati C, Bonvicini C, Faraone SV, Gennarelli M. Biomarkers and attention-deficit/hyperactivity disorder: a systematic review and meta-analyses. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry. 2012;51:1003-1019.e20 (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit)